eichsymbol.jpg (859 Byte)                rlila.gif (382 Byte) Karlstor, Schloss        rheblau.gif (390 Byte) Philosophenweg, Stift Neuburg        rrot.gif (396 Byte) Heidelberg: Altstadt
Eichendorffs Heidelberger Tagebuch
Pro Memoria
Für den Monath: May. 1807
Zweimal Ankunft
in Heidelberg
Joseph von Eichendorff, Dichter und ihre Gesellen
Erstes Buch, Erstes Kapitel
(Im ersten Kapitel kehrt Baron Fortunat gleichsam nach Heidelberg, der Stadt seiner Studentenzeit, zurück)
D:
17. Endlich um 4 Uhr Morgens fuhren wir mit Hertzklopfen durch das schöne Triumphthor karlskl.jpg (3999 Byte)
in Heide1berg ein, das eine über alle unsere Erwartung unbeschreiblich wunderschöne Lage hat. Enges blühendes Thal, in der Mitte der Neckar, rechts u. links hohe felsigte laubigte Berge. Am linken Ufer Heidelberg, groß u. schön, fast wie Karlsbad. Nur Eine Hauptstraße mit mehreren Thoren u. Märkten. Links überschaut von dem Abhange eines Berge die alte Pfaltzburg, gewiß die größte u. schönste Ruine Deutschlands majestätisch die gantze Stadt. Alles schlief noch. Nur Studenten, wie überall gleich zu erkennen, durchzogen mit ihren Tabakspfeiffen schon die Straßen.
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In den letzten Strahlen der Abendsonne wurde auf der grünen Höhe ein junger Ritter sichtbar, der zwischen dem Jauchzen der Hirten und heimkehrenden Spaziergänger fröhlich nach dem freundlichen Städtchen hinabritt, das wie in einem Blütenmeere im Grunde lag.
Er sann lange nach, was ihn hier mit so altbekannten Augen ansah, und sang immerfort ein längst verklungenes Lied leise in sich hinein, ohne zu wissen, woher der Nachhall kam. Da fiel es ihm plötzlich aufs Herz: wie in Heidelberg lagen die Häuser da unten zwischen den Gärten und Felsen und Abendlichtern, wie in Heidelberg rauschte der Strom aus dem Grunde und der Wald von allen Höhen! So war er als Student manchen lauen Abend sommermüde von den Bergen heimgekehrt und hatte über die Feuersäule, die das Abendrot über den Neckar warf, in die duftige Talferne gleichwie in sein künftiges, noch ungewisses Leben hinausgeschaut.
»Mein Gott«, rief er endlich, »da in dem Städtchen unten muß ja Walter wohnen, mein treuer Heidelberger Kamerad, mit dem ich manchen stillen, fröhlichen Abend auf den Bergen verlebt! Was muß der wackere Gesell nicht alles schon wissen, wenn er fortfuhr, so fleißig zu sein wie damals!« - Er gab ungeduldig seinem Pferde die Sporen und hatte bald das dunkle Tor der Stadt erreicht. Walters Wohnung war in dem kleinen Orte leicht erfragt: ein buntes, freundliches Häuschen am Markte, mit hohen Linden vor den Fenstern, in denen unzählige Sperlinge beim letzten Abendschimmer einen gewaltigen Lärm machten. Der Reisende sprang eilig die enge, etwas dunkle Treppe hinan und riß die ihm bezeichnete Tür auf, die Abendsonne, durch das Laub vor den Fenstern zitternd, vergoldete soeben die ganze, stille Stube, Walter saß im Schlafrock am Schreibtische neben großen Aktenstößen, Tabaksbüchse, Kaffeekanne und eine halbgeleerte Tasse vor sich. Er sah den Hereintretenden erstaunt und ungewiß an, seine Gipspfeife langasm weglegend. »Baron Fortunat!« rief er dann, »mein lieber Fortunat!« und beide Freunde lagen einander in den Armen.